Sonntag, 4. September 2016

Art House - nein danke! Oder warum Verantwortung nichts mit Schuld zu tun hat

Verantwortung ist etwas anderes als Schuld. Dennoch fangen viele - mich NICHT an letzter Stelle eingeschlossen - an, wie wild um sich zu schlagen, wenn man sie auf ihre Verantwortung für bestimmte Dinge in ihrem Leben anspricht. 

Noch verworrener wird die Sache, wenn Menschen wie ich, die sich für das Glück und das Wohlbefinden der Menschen um sie herum auch noch verantwortlich fühlen, ihrer Wahrnehmung nach scheitern, diese Aufgabe nicht erfüllen, und das mit "schuldig werden" gleich setzen. Ziel verfehlt.

Und trotzdem merke ich, dass mir meine Krankheit immer wieder deutlich zeigt: "Lass das bleiben!" Ich wünsche mir doch einen engeren Zusammenhalt in meiner Kernfamilie. Und manchmal frage ich mich, was mit meiner Familie würde, wenn ich nicht als Kleber fungieren würde. Ich will mich da nicht als Opfer sehen, fühle mich da aber auch nicht frei zu entscheiden. Was für Konsequenzen hätte das? 

Gott, Du könntest das. Lieben ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Aber ich bezweifle, dass eine fragende WWJD-Einstellung da hilfreich ist. Aber da bist Du ja auch Gott. Und ich bin Mensch. Mir tut das weh. 

Und so gerate ich sehr unter Stress, wenn ich das Gefühl habe, die Einzige zu sein, von der Aktivität ausgeht. "Komm, lass uns mal..." ist zu häufig MEIN Text in diesem Stück. Und ich bitte andere diesen Satz zu übernehmen, damit ich auch mal eine Szene habe, in der ich schweigen kann. Wenn wir alle schwiegen, was wäre das für ein Stück? Art House? Das ist abgedrehte Kunst, aber kein Leben. 

Liedpredigt zu "Nichts ohne Grund" von Gregor Meyle im impuls:-Gottesdienst 03.09.2016

Die Gnade unseres Gottes ist mit euch allen!
 
Wir haben 100 Leute gefragt..., welche Frage stellt sich wohl jeder Mensch (egal, wo er herkommt, egal welchen Bildungsstand er hat und egal wie arm oder reich er ist), mindestens 1x in seinem Leben?“
Was glaubt Ihr, käme bei so einer Umfrage auf die ersten 5 Plätze?
Ihr habt nun 3min Zeit, 5 Fragen aufzuschreiben, von denen Ihr glaubt, dass sie bei so einer Umfrage ganz weit vorne landen würden.

(Ich lese meine Fragen vor. Alle die etwas haben, das in diese Richtung geht, heben die Hand.)

Warum passiert (mir) das (immer)?
Hat das einen Sinn?
Wer verdient es, glücklich zu sein?
Wie lebe ich richtig?
Wo komme ich her?
Wo gehe ich hin?

Singer-Songwriter sind ja weniger für ihre schmissigen und mitreißenden, weil so flachen Texte bekannt. Und Gregor Meyle scheint da ein guter Vertreter seiner Zunft zu sein. Er hat sich nämlich ausgerechnet eine dieser großen Lebensfragen geschnappt und sich mit diesem Lied an seinen Antworten darauf versucht. „Nichts ohne Grund“ ist die doppelte Negation von „Alles mit Grund“. Dahinter steckt offenbar die Überzeugung, dass alles, das wir tun, Folgen hat und unser Leben, wie wir es kennen und erleben mit all seinen Großig- und Kleinigkeiten, von etwas kommt, also das Resultat aus vielem ist, das vorausgegangen ist. Auf jedes Warum scheint es – so das Lied – eine Antwort zu geben. Was nicht bedeutet, das es leicht ist, sie zu finden.
Wie beantworten wir denn so ganz unwissenschaftlich und unreflektiert im Alltag diese eine große Frage?
Warum passiert das?“ Der Volksmund hat dafür Redensarten, die sich manchmal so tief in unser Bewusstsein prägen, das sie uns schon gar nicht mehr bewusst sind.
Welche Redensarten fallen Euch ein, wenn es darum geht, Dinge, die passieren, zu erklären?

Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort.“
Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.“
Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.“
Der Teufel scheißt immer auf den selben Fleck.“
Es geschehen noch Zeichen und Wunder.“
Der ist aber auch vom Pech verfolgt.“
Das Glück ist mit den Dummen.“
Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf.“
Die hat das große Los gezogen!“
Pech im Spiel, Glück in der Liebe.“
Glück und Glas, wie leicht bricht das.“
Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben!“
Das hast du dir jetzt aber auch mal verdient!“
Ich benutze im Alltag einige dieser Redensarten, aber wenn ich mal genauer darüber nachdenke, frage ich mich, glaube ich das, was ich da im Einzelnen sage, eigentlich?
Was glaube ich denn, wovon mein Leben bestimmt wird? (kurze Denkpause)
Zufall? Engel? Dämonen? Gott? Der Teufel? Segen oder Flüche? Mieses Karma? Die Waagschale der kosmischen Gerechtigkeit, die dafür sorgt, dass nicht zuviel Glück bei mir landet?

Mir geht es gerade nicht darum, diese Erklärungsmuster zu bewerten. Mir ist beim Lesen des Textes des Liedes von Gregor Meyle aber eines aufgefallen, dass mir etwas an seiner Anwort gefällt und dem entspricht, was ich in dem schönen Bibeltext entdecke: 
 
Meinen Blick auf das zu richten, was mein Tun und meine Haltung für Einfluss haben auf das, was in meinem Leben geschieht und wie ich Dinge bewerte.
Der eine Text ist aus einem urchristlichen Brief. Eigentlich geht es um´s Spendensammeln für Bedürftige. Aber ich lese diese Worte auch noch anders. Nehmen wir diesem Text mal seinen finanziellen Rahmen und gehen wir davon aus, dass man allerhand sähen kann: Liebe, Vertrauen, Vergebung, aber natürlich auch Zwietracht und Hass und Streit, Misstrauen, Neid, Stolz, … >> Und hört ihn nochmal: 2Kor9,6-8

"Das aber sage ich euch:
»Wer spärlich sät,
wird spärlich ernten.
Und wer reichlich sät,
wird reichlich ernten.«
Jeder soll so viel geben,
wie er sich selbst vorgenommen hat.
Er soll es nicht widerwillig tun,
und auch nicht,
weil er sich dazu gezwungen fühlt.
Denn »wer fröhlich gibt,
den liebt Gott«.
Gott aber hat die Macht,
euch jede Gabe mehr als aufzuwiegen.
So habt ihr in jeder Hinsicht und zu jeder Zeit
alles, was ihr zum Leben braucht.
Und ihr habt immer noch mehr als genug
für alle möglichen wohltätigen Zwecke."
Das bedeutet für mich: Ich ernte, was ich säe. Ich entdecke, was ich suche. Im Positiven wie im Negativen.
Wenn ich damit rechne, dass Menschen, die kaum Hochdeutsch sprechen können, dumm und ungebildet sind, werde ich keine Beweise für das Gegenteil entdecken.
Wenn ich glaube, dass Jugendliche unzuverlässig und egozentrisch sind, werde ich all überall rumhängende Jugendliche sehen, die nichts als ihr Smartphone im Kopf haben.
Wenn ich davon ausgehe, dass Onkel Horst sich auf der großen Familienfeier zum Deppen machen wird, wird das ziemlich sicher auch geschehen, allein schon deshalb weil ihn alle anstarren.
Ich war früher im Sport ne ziemliche Vollniete, weil ich mich vor dem Sprung über den Kasten schon immer davorknallen sah.
Das waren jetzt alles Negativbeispiele. Überlegt, was es für Euch bedeutet, sie ins Positive zu münzen:
Irgendwo habe ich mal gelesen: „Kinder finden Schätze, weil sie danach suchen.“
Wer reichlich sät, wird reichlich ernten. Jede Schuld, die wir vergeben, wird uns Vergebung auch von anderen bringen, weil wir dann mit an einer fehlertoleranteren Welt bauen.
Alles Gute, das wir tun, geht nicht ins Leere.
Leichtigkeit, die wir schenken, kommt meistens sogar sehr unmittelbar zurück. (Habt Ihr mal in der vollen S-Bahn gestanden und habt Leute angelächelt?)
Je offener ich bin, umso weniger Mauern werden mir den Weg versperren. Es sei denn ich rechne damit, dass meine Güte ausgenutzt wird. Dann werde ich all überall Beispiele dafür finden.
Gregor Meyle ist ehrlich: „Manchmal fällt es schwer, diesen Weg zu geh´n“, singt er.
Und ja! Es gibt ja keine Versicherung, die mir gewährleistet, dass meine Investitionen 1:1 zurückerstattet werden. Wir gehen in Vorschussleistung. Das ist unser Opfer:
Etwas zu geben, obwohl uns eigentlich nach etwas anderem wäre und obwohl ich mein Gutes in eine Black Box stecke und keiner sagen kann, was damit geschieht und dabei heraus kommt.
Einen Fremden um Hilfe bitten?
Mit meinem Hund zu einem Obdachlosen mit seinem Hund gehen?
Allein auf eine Party gehen und mich mit Unbekannten unterhalten?
Jemanden anlächeln, den ich auf den ersten Blick nicht sympathisch finde? Nicht weil es meine Christenpflicht ist, sondern weil ich glaube, dass meine Offenheit im anderen etwas bewirkt. Und dass sich Gott an dem, was daraus enntsteht für uns freut.
Dem Bettelnden am Straßenrand etwas geben, obwohl ich fest davon ausgehe, dass er es in Alkohol umsetzen wird? Nicht weil es meine Pflicht ist, sondern weil das Gefühl, genug zu haben und geben zu können und mein Zuwenden die Welt verändern. Und weil ich glaube, dass Gott sich an dem, was daraus entsteht für uns freut.
Warum versuchst Du es nicht mal?
Du wünschst Dir Gottes Segen in Deinem Leben? Glaube, dass Du schon gesegnet bist und Du wirst Segen entdecken. Das alte Hebräisch, in dem das Alte Testament zu großen Teilen niedergeschrieben wurde, kann uns da eine Hilfe sein: Denn es kennt keinen Unterschied zwischen Gegenwart und Zukunft. Das was sein wird, ist schon. Und es kennt keinen Unterschied zwischen dem, was ist und was sein könnte oder doch geschehen möge. Darum heißt der alte Aaronitische Segen, der uns so vertraut ist, eigentlich nicht: „Der Herr segne dich“, sondern „Der Herr segnet dich und er behütet dich.“

 So segnet Dich Gott, davon bin ich überzeugt. 

Amen.

Donnerstag, 3. Dezember 2015

Guten Tag, Frau MS! ICH HASSE SIE! --- gerade ...

Mein Herz kann sich nicht entscheiden zwischen Rasen und Stillstand. Ich will meine Fäuste ballen und gegen Wände hauen. Meine geliebte Kaffeetasse auf dem Boden zerschmettern. Scherben und Krach produzieren. Das ist besser als diese Traurigkeit. Mein Körper, aber noch mehr meine Psyche stimmen gerade ein jammervolles Klagelied an. Uha-uha-uhaaa... Aber ich will das nicht. Ich will da nicht mit einstimmen. 

ICH WILL GESUND SEIN!!! 
ICH BIN NICHT MEINE MS!!!

Ich mache zur Zeit endlich fast täglich Yoga, trinke Grüne Smoothies, ernähre mich seit drei Jahren vegan und gehe sogar wieder laufen. Soft. Unter 30 Minuten, aber das ist ein Anfang. Alle Ärzte haben immer gesagt: "Frau Pfaffner, Sie müssen mehr Sport machen!" Meine Arbeit macht mir Spaß. Nur eine halbe Stelle. Das ist gut. Endlich habe ich einen Ort für mich gefunden, wo ich etwas mitgestalten will und kann. Und nun ... reicht meine Kraft für ... NIX! Immer wenn die Schlagzahl sich auch nur minimal erhöht, steigt der Körper nach meiner Konzentrationsfähigkeit und meiner Psyche aus, winkt mir nach und sagt: "Renn du nur!" 

Ich wünsche mir, ein bisschen mehr so zu sein wie andere. So belastbar zu sein wie andere. Nicht immer aussteigen zu müssen. Und stattdessen habe ich das Gefühl, immer sonderbarer werden zu müssen, damit die MS Ruhe gibt. Muss ich wirklich Rohköstlerin werden, um meinem Körper so viel Gutes zuzuführen, wie er zum Gesundsein braucht? Es wird Weihnachten. Ich liebe es zu backen und zu kochen... Der Umstieg auf Vegan fiel mir nicht schwer. Aber noch ungewöhnlicher zu werden ... Keinen Alkohol mehr. Keinen (Industrie-)Zucker. Kein Getreide. Keine Hülsenfrüchte. Und, ach ja: KEINEN KAFFEE!

Vielleicht geht es genau darum, mir mein Anderssein zuzugestehen. Gnädig mit mir und meinen Bedürfnissen zu sein, die anders sind als die anderer. 

Vielleicht heiße ich darum so: JANINA. Das heißt:

GOTT IST GNÄDIG. Kannst Du mir das beibringen, Gott, bitte ...?




Samstag, 21. November 2015

Hey, Gott, Du Kackstiefel!


Predigt für den Buß- und Bettag der Evangelischen Jugend 18.11.2015

Hey, Gott, Du Kackstiefel!

Was soll das eigentlich? Und wo führt das hin? Hat das alles einen Sinn? Ist da auch mal ein Ende in Sicht oder wird erstmal alles nur noch schlimmer?
Wie viele Bomben sollen noch hochgehen, wie viele Menschen erschossen oder enthauptet werden?
Wie viele Menschen kann, Europa – Deutschland – Hamburg noch aufnehmen, ohne dass … Ja, WAS ?!?
Ohne dass ich meinen Gartenzwerg nur einen Zentimeter verrücken muss?
Ohne dass mein Grundstück an Wert verliert oder unsere Klassen zu voll werden?
Ohne dass der Islam einen geregelten Feiertag bekommt oder nicht nur Häuser brennen, sondern auch Menschen?
Nein, ich halte Dich nicht für schuld an der ganzen Sch-EISSE, aber es gibt Dich doch, oder? Ich will glauben, dass es Dich gibt, dass es Dich interessiert, was hier passiert. Und dann ist es Dir doch nicht egal, dass ich manchen Tag am Rande stehe: am Rande meines Verstandes, wenn ich versuche zu verstehen, WER die Schuld trägt an 60 Millionen Menschen auf der Flucht; am Rande meiner Verantwortung, wenn ich begreife, dass jeder unnötig gefahrene Autokilometer, jedes geschrottete und neu gekaufte Handy, jede für mich gemahlene Kaffeebohne, jedes für mich gefütterte und geschlachtete Rind mit an der Schuld trägt, warum 60 Millionen ihre Heimat verlassen haben.
Und dann kommst Du mit diesem Schmarrn. (Bibel hochhalten.) Und da schreibt ein Typ, der Dich gut zu kennen scheint: „Freuet euch! Und immer wieder sage ich euch freuet euch!“ Ist der Zyniker? Was gibt es denn da zu freuen? Das ist total unangemessen. Nach diesem Wochenende? (Anschläge in Paris) Selbst Amazon trug Trauerflor und wir Christen sollen Partyhütchen aufsetzen und tanzen?!? Und das am Bußtag? Das kann doch nicht euer Ernst sein. ---

Freuet euch... Ich will mich ja freuen. Ich will ja glauben. Ich glaube ja schon. Ich glaube, dass Du alle Menschen liebst. Ich glaube, dass alle Menschen zu Dir gehören und dass Du in jedem Menschen bist. Daran kann ich mich freuen. Selbst jetzt. Selbst in dieser Zeit. Wenn ich zur Ruhe komme, mich ausklinke aus der Hetze, mal offline bin und atme, dann spüre ich Deinen Geist in mir und ich merke, dass ich ein Herz habe, das schlägt, und dass ich Wurzeln habe, die mir Halt geben und ein Rückgrat, das mich aufrichtet und mir einen offenen Blick in die Welt gewährt.
Aber erprobt wird dieser Halt erst, wenn mir Dinge nahe komme. Afghanistan? Keine Ahnung, wie viele Vielfliegermeilen das von Hamburg entfernt liegt. Ebensowenig mussten mich Eritrea, Kongo oder Syrien bis vor Kurzen interessieren. Aber als die Leute anfingen, im Mittelmeer zu ertrinken (da, wo ich als Kind schon drin gebadet hatte), wurde es schon enger. Und nun sind diese Länder mir so nah, dass ich die fremden Sprachen hören, ihr Essen riechen und ihren Gesichtern Emotionen und bei manchen vielleicht sogar Namen zuordnen kann. Es windet. Es stürmt. Das kann mich schon mal aus dem Gleichgewicht bringen. Mein Halt wird auf die Probe gestellt.
Es gibt nur drei Arten, wie ich auf Fremdes reagieren kann: mit Neugier (so wie kleine Kinder es tun, wenn ihre Eltern sich nicht daran hindern), mit Angst oder mit Aggression. Ich kann verstehen, dass Menschen Angst haben.
Ich kann verstehen, dass Menschen aggressiv werden, die einen oder sogar mehrere liebe Menschen in Paris verloren haben. Mich macht dieser Terror auch zornig. Zornig und traurig. Beides zugleich. Sonst kann ich selten etwas mit diesen alten Rachegeschichten aus dem Alten Testament anfangen, Gott. Aber jetzt wünsche ich mir manchmal Deinen Zorn, der Familien vernichtet und ganze Städte verwüstet. Aber Du sagst: „Mein ist die Rache.“ Und dann weiß ich nicht wohin mit meiner Wut. Und wenn ich nichts kaputtschlagen darf und auch nicht will, dann fange ich an, im Internet Kommentare und Gästebucheinträge zu lesen und mir wird klar, wohin das führt, wenn wir versuchen unsere Angst mit Aggression zu beruhigen. Und als ob Dein „Mein ist die Rache.“ nicht schon reichte, kommt dann eben dieses „Freuet euch!“, das mich erstaunlicherweise gar nicht mehr so ärgert. Es fühlt sich besser an, dem Schwierigen die Leichtigkeit entgegenzusetzen. Mich zu fragen, wie aus GEGENsätzen FÜRsätze werden können.
 
Ich will meine Angst mit meiner Neugier zusammen an einen Tisch setzen. Die Aggression darf sich in der Wuthöhle abreagieren. Und dann, wenn Angst und Neugier sich an einen Tisch setzen und nicht Tausende anonyme, sondern 2-3 Flüchtlinge mit Namen zu sich einladen, kommt Gott als Streitschlichter dazu und da durchströmt mich auf einmal genau das, was wenige Verse später steht: „Ich kann alles durch den, der mich stark macht.“ Gott, ist das geil! Und die Angst steht plötzlich – nicht trotzig, nicht im Streit, sondern ganz entspannt auf und geht, weil sie keinen Grund mehr hat, da zu sein.
 
Ja, der Wind ist gerade keine sanfte Brise. Es ist Sturm in vielerlei Hinsicht. Aber wenn wir es hinkriegen, uns trotzdem oder gerade jetzt an dem zu freuen, dass Du uns liebst, Gott, dass Du für uns da bist und uns Halt gibst, werden wir genau DAS spüren und uns trauen, unserer Angst, unserer Neugier und Fremden mit Dir einen Tisch zu decken und uns immer wieder davon überraschen zu lassen, was da passiert. Das fällt mir nicht leicht, aber ich weiß, Du stehst uns bei. Das ist voll gut. Danke, … Du Kackstiefel!
Amen.

Dienstag, 13. Oktober 2015

Don´t build your house on a sandy land

Wir wollen ja gar nicht bauen, aber wir sehnen uns danach Wurzeln zu schlagen. Ich sehne mich danach, Nachbarschaft und Gemeinschaft zu leben. Traditionen zu entwickeln und eines Tages sagen zu können: "Mit denen haben wir das schon vor 20 Jahren gemacht!" Darum schaue ich in letzter Zeit wohl immer häufiger nach Häusern. Aber gegen die vielen anderen, die sich bei dem günstigen Zinsniveau gerade genau das Gleiche denken, ist das in Hamburg für Menschen unseres Budgets fast ein Ding der Unmöglichkeit. Darum bleiben wir hier - in unserem Haus zur Miete - und konnten uns das eine niedliche Haus in unserer Nachbarschaft nicht einmal ansehen, da wir kein Angebot ÜBER dem verlangten Preis machen konnten wie andere. Aber wer weiß, wozu es gut war. Es wäre kein Leben in Gemeinschaft, wie wir uns das eigentlich so sehr wünschen. Es wäre kein Schritt näher an die potenziellen Großeltern unserer potenziellen Kinder heran. Darum ... Gut so. Aber dennoch. Wurzeln, die es noch nicht gibt, sucht man ja eigentlich nicht, sondern gräbt sie dort ins Erdreich, wo man eben ist. Das will ich, aber dennoch fällt es schwer. In meiner Kirchengemeinde hier auf der Insel bin ich nie so richtig angekommen. Mein Fehler? Vielleicht kein Fehler, aber ganz sicher meine Entscheidung, dass diese Gemeinde so keinen Zu-Hause-Charakter haben kann und wird. 
Das Brüderfeierabendhaus in Bethel wird abgerissen. Wir waren beim Abschiedsfest dort. Dort waren viele, die mit diesem alten Haus genau das verbinden, wonach ich mich gerade sehne. Es soll wieder aufgebaut werden - als Mehrgenerationenhaus, das es ja immer schon war. Die Sehnsucht nach Bielefeld und diesem Haus ist groß, aber nur ich wäre bereit, dafür auf das Meer und Elbe/Weser zu verzichten.

Am Ende will ich geschrieben haben

Nun arbeite ich auf einer halben Stelle. Sie füllt mich aus und fordert mich überaus positiv. Das macht großen Spaß. Aber ich weiß, dass da diese andere Seite in mir ist, die auch gelebt werden will: Am Ende meines Lebens möchte ich geschrieben haben - Lebensgeschichten einfacher Menschen. Auch von Flüchtlingen, die sonst vielleicht nie eine Chance gehabt hätten, ihre Geschichte zu erzählen und öffentlich zu machen. 
Blöderweise bin ich jetzt manchmal schon so müde, dass da nicht viel Kraft bleibt. Neben Hund und Haushalt, Ausbildung und Freunden. 
Aber ich muss das hinkriegen. Ich weiß, dass ich sonst alt werde mit dem Gefühl, einem wichtigen Teil meinerselbst keinen Raum gewährt zu haben.

Donnerstag, 16. Juli 2015

Man kann nicht davon leben, aber... - Artikel schreiben für die Evangelische Zeitung

Seit Herbst 2014 schreibe ich in unregelmäßigen Abständen für die Evangelische Zeitung. Die Entlohnung ist dürftig, aber es macht mich stolz, meine Texte gelayoutet und gedruckt zu sehen. :) Dies war mein zweiter Text, den ich im Februar über zwei äußerst beeindruckende Frauen verfassen durfte.

BOYKOTT IST KEINE LÖSUNG

Es sind Frauen, Frauen und immer wieder die Frauen. Menschen, die sich mit der Frage nach fairen Produktionsbedingungen in der Textilindustrie beschäftigen, sind häufig Frauen und die Schicksale von Frauen treiben sie an, das zu tun, was sie tun. Ihr Ehrenamt ist zeit- und arbeitsintensiv und nicht immer stellen sich sichtbare Erfolge ein. Aber ihre Herzen schlagen im Takt eines Feminismus, der noch weiß, woher er kam und warum er heute als global gelebte Nächstenliebe mehr geboten ist denn je.


Warum sie sich für Kleidung einsetze, fragt Irmgard Busemann sich rethorisch selbst. Sie könne sich ja auch für eine faire Handyproduktion engagieren. Aber das sei ihr zu technisch. Kleidung ist etwas, das ihr richtig nahe ist. Die Pädagogin hat Recht, wenn sie sagt: „Niemand kann sagen: Ich brauche keine Kleidung!“ Gerade weil der Weg zurück in die Selbstversorgung für die meisten Mitteleuropäer eben keinen möglichen alternativen Lebensentwurf darstellt, entspricht der Ansatz der Kampagne für Saubere Kleidung viel mehr der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen hierzulande. Den Hamburgerinnen Irmgard Busemann und Mitstreiterin Eva Juergensen geht es ganz im Sinne der ursprünglich niederländischen CCC (Clean Clothes Campaign) nicht um einen Konsumstreik, weil sie wissen, dass ein Boykott den Arbeiterinnen, die Tausende von Kilometern von hier entfernt unsere Kleidung nähen, nicht helfen, sondern schaden würde.

Ein Mädchen in Südindien. Für fünf Jahre in die Schuldknechtschaft verkauft, um ihren Brautpreis in einer Textilfabrik selbst zu erarbeiten. Das Geld spart die Firma für sie an und zahlt sie am Ende der Zeit aus. Vermutlich wird sie es nicht so lange dort aushalten und verspielt damit ihr Anrecht auf ihren Lohn. Am Ende steht sie vor dem Nichts, denn auch ihre Familie ist enttäuscht. Natürlich hat sie einen Namen, aber wir kennen ihn nicht. Auch Frau Busemann und Frau Juergensen kennen nur vereinzelt Mädchen und Frauen persönlich, die die Kapagne zu Vorträgen nach Deutschland einlädt oder über die ihre Mitstreiterinnen, die vor Ort recherchieren, zurückgekehrt berichten. Das Entscheidende aber ist: Für die beiden hat auch ein für uns namenloses Mädchen am anderen Ende der Welt Würde und Stolz. Dass auch dieses Mädchen davon erfährt, dass sie Schikane und Schläge der Vorarbeiter nicht erdulden muss und wie sie sich dagegen zum Beispiel im Rahmen einer Gewerkschaft zur Wehr setzen kann, um die Bedingungen vor Ort für sich und ihre Kolleginnen zu verbessern, dafür setzen sich die beiden gemeinsam mit ihrer Hamburger Regionalgruppe der Kampagne für Saubere Kleidung seit 16 Jahren ein.

Vor dreißig Jahren war die heute pensionierte Pastorin Eva Juergensen Teil der Früchteboykottkampagne gegen das Apartheidsregime Südafrikas. Diesen Boykott initiierten schwarze Frauen in Südafrika und in vielen Kirchen griffen die Frauenwerke diese Initiative auf. Als sich der politische Wind mit der Wahl Mandelas 1994 drehte, war es auch der Evangelischen Kirche in Deutschland ein großes Anliegen, das Engagement dieser politisch bewegten Frauen nicht im Sande verlaufen zu lassen und ihnen ein neues Betätigungsfeld nahe zu bringen. Dies gelang in der Initiative für saubere Kleidung. „Wir wollten weiter für unterdrückte Frauen auf die Straße gehen“, erzählt die frühere Krankenhausseelsorgerin und fügt verschmitzt als Erklärung für ihre Motivation noch hinzu: „Ich gehe gern auf die Straße und auch ein bisschen frech in die Geschäfte und lege unsere Zettel in die ausgelegte Ware: ´100% ungerecht` oder ´Made in hell`.“ Auch Irmgard Busemann zeigt sich in ihrem Alltag streitbar und gibt auch anderen den Tipp: „Machen Sie sich vor Ihrem nächsten Einkauf schlau. Wir haben Heftchen, die Auskunft über die Arbeitsbedingungen geben, unter denen die einzelnen Marken produzieren. Und dann: Nerven Sie! Fragen Sie im Geschäft nach. Und wenn der Verkäufer unfreundlich wird, lassen Sie den Geschäftsführer holen.“

Hartnäckigkeit und Durchhaltevermögen sind nicht nur Eigenschaften, die beide Frauen im Alltag beweisen. Zwar positionierte sich auch Entwicklungsminister Gerd Müller im vergangenen Juli deutlich für ein Textillabel, das faire Arbeitsbedingungen anzeigt, doch wissen die beiden Hamburgerinnen aus der leidvollen Erfahrung der Kampagne, dass man zur Einführung eines solchen Gütesiegels mehr Ausdauer braucht, als ein Politiker sie in einer Legislaturperiode und darüber hinaus in der Regel aufbringen könne.

Trotz vieler ernüchternder Rückschläge wirken die beiden alles andere als verbittert. Sie wissen, dass ein Riese wie Tchibo nach Jahren der intensiven Kritik begonnen hat, sich auf den Weg zu machen. Die Menschen, die sie auf der Straße an ihrem Stand ansprechen, reagieren heute weniger verwirrt oder brüskiert angesichts der Unterstellug, ihre Kleidung sei schmutzig, als sie sich der Problematik der katastrophalen Arbeitsbedingungen bewusst sind. Früher waren die Menschen eher ansprechbar über den ökologischen Aspekt der Produktion. Doch Gerechtigkeit scheint als Kaufkriterium langsam nachzuziehen. Das macht auch den beiden CCC-Aktivistinnen Mut, weiterzumachen.

Junge Frauen sind sich nur noch teilweise dessen bewusst, was die Frauenaktivistinnen des 20. Jahrhunderts für sie geleistet haben. Gerade weil sie diese Formen der Unterdrückung nicht selbst erlebt haben, kann das Engagement starker Frauen wie Irmgard Busemann und Eva Juergensen für unterdrückte Menschen, ihnen die Notwendigkeit aufzeigen, die Fragen und Anfragen der Emanzipation auch heute noch und immer wieder zu stellen.